Beziehungsgewalt
Beschlossen am 21.06.2026 auf dem FINTA*-Rat in Ludwigsburg
Gewalt in Beziehungen
“Rund 25% der in Deutschland lebenden Frauen haben Formen körperlicher oder sexueller Gewalt (oder beides) durch aktuelle oder frühere Beziehungspartnerinnen oder -partner erlebt.” [1] In Statistiken zum Thema Beziehungsgewalt werden Geschlechtsidentitäten leider meist nur binär (weiblich/männlich) abgefragt. Ebenso geben die Statistiken keine Auskunft darüber, ob es sich um Heterobeziehungen oder queere Beziehungen handelt.
Queere Beziehungsgewalt ist bislang kaum erforscht, belastbare Daten für Deutschland fehlen weitgehend. Klar ist jedoch, dass trans*, inter* und nicht-binäre Menschen einem besonders hohen Gewaltrisiko ausgesetzt sind: 16% der trans* Frauen, 8% der trans* Männer und 8% der nicht-binären Personen haben in den letzten 12 Monaten Belästigungen und Gewalt erfahren, weil sie LGBTQIA+ sind – mit einer sehr hohen Dunkelziffer, da nur 8–10 % dieser Vorfälle bei der Polizei angezeigt werden. [2] Dass dabei Machtstrukturen eine Rolle spielen, zeigt sich auch daran, dass bei Angriffen auf trans* Menschen zu 88% männliche Täter beteiligt waren. [3] Ob sich dies eins zu eins auf Beziehungsgewalt übertragen lässt, lässt die Datenlage offen, die Muster patriarchaler Machtausübung legen es jedoch nahe. [4]
Laut der kriminalstatistischen Auswertung des Bundeskriminalamts (BKA) aus dem Jahr 2021 identifizierten sich 80,3 % der Opfer als weiblich, während 78,8 % der Tatverdächtigen männlich waren. Die Studie vermerkt als Erkenntnis, "dass Gewalt in Partnerschaften in allen sozialen Schichten vorkommt, durch patriarchalische Beziehungsgewalt - abgestimmt
Beziehungsstrukturen und ungleiche Machtverhältnisse erklärt werden kann, aufgrund von Abhängigkeitsverhältnissen nur äußerst selten polizeilich angezeigt wird und häufig mit Gewalterfahrungen in der Kindheit zusammentrifft". [5]
Beziehungsgewalt ist dabei auch sexualisierte Gewalt: Im polizeilichen Hellfeld entfallen 2,8 Prozent aller Fälle von Partnerschaftsgewalt auf Vergewaltigung und sexuelle Übergriffe [10]. Die tatsächliche Zahl liegt weit höher, denn das BKA hält selbst fest, dass viele Taten „aus Angst, Scham oder Abhängigkeit" nicht angezeigt werden. [10] Das geltende „Nein heißt Nein"-Modell greift dabei zu kurz: Wer erstarrt oder verstummt, gilt faktisch als zustimmend, auch innerhalb einer Beziehung. Eine repräsentative Civey-Umfrage vom April 2026 zeigt, dass 67 Prozent der Deutschen das „Nur Ja heißt Ja"-Prinzip befürworten. [13] Das EU-Parlament stimmte im selben Monat mit Zwei-Drittel-Mehrheit dafür, die EU-Kommission zur Vorlage einer entsprechenden Vergewaltigungsdefinition aufzufordern. [11] Die Justizministerkonferenz scheiterte am 12. Juni 2026 dennoch knapp an einem Beschluss für Deutschland, maßgeblich wegen des Widerstands unionsgeführter Länder. [12] Beziehungsgewalt kann tödlich enden: Laut BKA-Lagebild 2024 wurden 132 Frauen durch ihren (Ex-)Partner getötet, im Schnitt fast alle drei Tage eine. [10] Diese Taten werden im öffentlichen Diskurs häufig als „Beziehungsdramen" verharmlost. Sie sind Femizide: Tötungen von FINTA*s, weil sie FINTA*s sind.
Beziehungsgewalt ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck gesellschaftlicher, patriarchaler Machtverhältnisse!
Deswegen fordern wir:
> Es müssen Hürden bei der Anzeige abgebaut und Betroffene durch unabhängige Beratungs- und Begleitangebote bei Anzeigen rechtlich, psychosozial und finanziell unterstützt werden.
> Die Umsetzung der Istanbul-Konvention muss konsequent vorangetrieben werden.
> Patriarchale Gewaltstrukturen müssen durch Prävention, Bildung und feministische Politik bekämpft werden.
> Das „Nur Ja heißt Ja"-Prinzip muss ins deutsche Sexualstrafrecht – aktive, ausdrückliche Zustimmung als Grundlage jedes sexuellen Kontakts, unabhängig davon, ob innerhalb einer Beziehung oder nicht.
Prävention und Risikofaktoren
Beziehungsgewalt entsteht und verstärkt sich durch das Zusammenspiel individueller, sozialer und gesellschaftlicher Faktoren. Neben Gewalterfahrungen in der Kindheit zählen insbesondere die Übernahme gewaltlegitimierender, patriarchaler Geschlechterrollen zu zentralen Risikofaktoren [7].
Der Kriminalbeamte Dirk Peglow sagt: “Besser, keine Beziehung mit einem Mann eingehen” [6]. Prävention kann aber nicht bei individuellen Verhaltensregeln stehen bleiben, sondern muss strukturell ansetzen. Aufklärung, Bildung und die Veränderung gesellschaftlicher Normen sind notwendig, um Gewalt in Beziehungen wirksam zu verhindern. In Schulen gibt es fast keine Präventionsmaßnahmen zu Gewalt in Teenagerbeziehungen. Vorhandene Präventionsangebote an Schulen sind häufig von einzelnen Projekten, externen Trägern oder dem Engagement einzelner Lehrkräfte abhängig und damit nicht systematisch im Bildungssystem verankert. [8] Insgesamt fehlt es an einer verbindlichen, langfristig finanzierten und strukturell integrierten Präventionsstrategie.
Deswegen fordern wir:
> Flächendeckende, verpflichtende Workshops zu Beziehungsgewalt an allen Schulen.
> Fort-/Weiterbildungen für Lehrkräfte, Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen.
> Eine massive Ausweitung und dauerhafte Finanzierung von Kampagnen und Präventionsangeboten, die Beziehungsgewalt sichtbar machen und gesellschaftlich verbreitete Vorurteile entkräften
Opferschutz
Das Bundeskriminalamt hält selbst fest, dass seine Statistiken lediglich „das polizeiliche Hellfeld abbilden" und „stark vom Anzeigeverhalten der Bevölkerung beeinflusst" werden. [5] Die Gründe dafür sind bekannt: Scham, Stigmatisierung, Angst und mangelnde Erfolgsaussichten im Prozess halten Betroffene davon ab, Hilfe zu suchen oder Anzeige zu erstatten. [5] Wer schweigt, hat keinen Mut verloren – wer schweigt, hat ein System vor sich, das Betroffene nicht schützt. 92 Selbst wer über diese Hürden hinwegkommt, findet häufig keinen Schutzplatz: Deutschland verfügt laut WAVE-Report 2023 über rund 6.800 Frauenhausplätze – nach den Vorgaben der Istanbul-Konvention wären über 14.000 notwendig. [9] Frauenhäuser sind regelmäßig überfüllt, Betroffene werden abgewiesen.
Die Scham muss die Seite wechseln!
Deswegen fordern wir:
> Flächendeckender Ausbau von Frauenhäusern und Schutzeinrichtungen gemäß den Vorgaben der Istanbul-Konvention.
> Kostenlose, niedrigschwellige Beratungsangebote für Betroffene – unabhängig von Aufenthaltsstatus, Einkommen und Herkunft.
Quellen
[1] https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/94200/d0576c5a115baf675b5f75e7ab2d56b0-de/resource/blob/94200/d0576c5a115baf675b5f75e7ab2d56b0de/resource/blob/94200/…
[2] https://www.lsvd.de/de/ct/2628-Trans-und-nicht-binaere-Personen-in-Deutschland-Diskriminierung-und-Gewalterfahrungen
[3] https://www.lsvd.de/de/ct/2628-Erfahrungen-von-trans-Menschen-in-Deutschland
[4] https://fra.europa.eu/en/publication/2024/lgbtiq-survey-results
[5] https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebi-de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebide/SharedDocs/…
[6] https://www.zdfheute.de/video/heute-journal/sgs-peglow-kriminalstatistik-100.html
[7] https://www.researchgate.net/publication/235912387_A_Systematic_Review_of_Risk_F-net/publication/235912387_A_Systematic_Review_of_Risk_Fnet/publication/2359123…
[8] https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/94478/38d04b87966551dddb2a1a6e8cf397ed/praevention-hauesliche-gewalt-im-schulischen-bereich-data.pdf
[9] https://wave-network.org/wp-content/uploads/WAVE-Country-Report-2023.pdf
[10] https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/251121_BLB_HaeuslicheGewalt2024.html
[11] https://taz.de/Justizministerkonferenz-in-Hamburg/!6186334/
[12] https://taz.de/Bewegung-im-Sexualstrafrecht/!6186913/
[13] https://www.beck-aktuell.de/heute-im-recht/rechtspolitik-gesetzgebung/umfrage-sexualstrafrecht-zwei-drittel-fuer-nur-ja-heisst-ja-2026-04-01